David,

Für Paris habe ich mich einerseits wegen des Stadtaspekts entschieden - ich war mal mit einer Klassenfahrt hier und war insgesamt sehr beeindruckt, andererseits ist Sciences Po eine sehr gute Hochschule für Politikwissenschaften.

Gerade verbringe ich im Rahmen des Erasmusprogramms ein Studienjahr an der Hochschule Sciences Po Paris.
Was die Unterkunft anging hatte ich großes Glück. Es ist nicht leicht in Paris etwas zu finden, der Wohnungsmarkt ist hart umkämpft. Aber ich kannte über einen Freund eine Pariserin, die wie der Zufall es so wollte, einen neuen Mitbewohner suchte.
Obwohl hier über 10000 Studenten eingeschrieben sind, ist es schon sehr familiär. Die Einführungswoche war gut, ich hatte das Welcome Programme für Austauschstudierende aus aller Welt gebucht. Man hat erste neue Leute getroffen, ich habe mich sehr gut aufgehoben gefühlt. Was ich ein bisschen problematisch fand, ist die Kurswahl, die nach dem first-come first-served Prinzip funktioniert. Meistens hat man hinterher was völlig anderes als das was man sich vorher rausgesucht hat.

Für Franzosen ist es relativ schwierig an diese Hochschule zu kommen, man merkt, dass hier eine Auswahl von sehr klugen, fleißigen, motivierten Leuten aus ganz Frankreich studiert. Am Anfang ist es etwas schwierig mit den Franzosen in Kontakt zu kommen, die immer sehr beschäftigt sind. Man findet hier schon Anschluss, gerade auch bei Masterstudenten, mit denen man zwar keine Kurse hat, die man aber auf Partys oder bei den Sportkursen kennenlernt. Wenn man seine Kurse auf Französisch wählt, hat man viel mit Franzosen zu tun. Man könnte auch problemlos alles auf Englisch studieren, in diesen Kursen sind dann ganz viele internationale Studenten, die sogar häufig Französisch reden wollen.
Das Studium ist relativ ähnlich aufgebaut wie in Deutschland. Es gibt große Vorlesungen mit Tutorium und kleinere Seminare. Aber der Arbeitsaufwand ist für mich persönlich fast höher, ich belege 30 ECTS-Punkte, wie in Deutschland auch, aber dadurch, dass die Seminare wirklich 2 Stunden dauern, einige sogar 4stündig sind und dadurch, dass immer Anwesenheitspflicht ist, kommt man schon auf relativ viele Wochenstunden. Dazu kommt noch die Pflichtlektüre. Der Anspruch an sich ist für den Austauschstudenten etwas höher, da ja alles in Fremdsprachen stattfindet. Der wissenschaftliche Anspruch ist hier finde ich nicht ganz so hoch, weil die Kurse eher praktisch orientiert sind. Die Studenten wollen keine großen Wissenschaftler werden, sondern sich z.B. in Unternehmen oder Regierungsorganisationen behaupten.

Darüber hinaus ist das Studium breiter aufgebaut als in Deutschland.

Im ersten Semester hatte ich z.B. politische Philosophie, dieses Semester habe ich einen Rechtskurs über Menschenrechte und den Gerichtshof in Straßburg. Der Großteil sind aber natürlich politikwissenschaftliche Veranstaltungen. Am besten gefällt mir ein Seminar bei einem ursprünglich aus der Schweiz stammenden Journalisten, der jetzt als Auslandskorrespondent in Paris für die Süddeutsche Zeitung schreibt. Der Kurs heißt „Presse – miroir et acteur du monde“. Der Gastdozent ist ein älterer Herr, der auch ein bisschen aus dem Nähkästchen plaudert und seine langjährigen Erfahrungen als Journalist und Korrespondent miteinfließen lässt. Das macht richtig Spaß.
Sciences Po bietet eine breite Auswahl an Freizeitaktivitäten an, die sehr zu empfehlen sind. Seit dem ersten Semester mache ich Tennis, was ich noch nie vorher ausprobiert hatte und bin begeistert. Seit diesem Semester habe ich noch Rudern, was sogar noch besser ist. Man rudert dann donnerstagmorgens um 9 mit einem Bötchen über die Seine, ein schöner Start in den Tag. Letztes Semester habe ich auch einen Fotografie-Kurs ausprobiert, der von einem afghanisch stämmigen Kriegsfotografen durchgeführt wurde.

Daneben versuche ich mit dem schnellen Puls der Ausstellungen und Museen Schritt zu halten. Es gibt jede Menge Bars und kulturelle Veranstaltungen am Wochenende zu entdecken, z.B. viele kostenlose Konzerte. Besonders gut gefällt mir die Île aux Cignes, die auf meiner Laufstrecke liegt. Eine künstliche Insel in der Seine, etwa 800m lang, die von Alleen eingerahmt ist,  ohne Autos und man blickt auf den Eiffelturm, ein idyllisches Örtchen. Auch die typisch französischen Märkte begeistern mich, es gibt eigentlich jeden Tag irgendwo einen. Der Marché des enfants rouges gefällt mir gut. Er ist in einer alten Markthalle und man kann nicht nur einkaufen, sondern die Dinge auch gleich verzehren. Es sind Holzbänke an großen Tischen aufgestellt, da setzt man sich dazu und kriegt dann - gar nicht teuer- leckeres Essen und eine Flasche Wein dazu. Sehr schön, sehr gemütlich.


Eines meiner besten Erlebnisse war hier am Halbmarathon Anfang März mit über 40000 Läufern aus allen Ecken Frankreichs und der Welt teilzunehmen.

Es war eine schöne Strecke durch die Stadt bei Sonnenschein und strahlend blauem Himmel, und ich hab mich schon heimisch gefühlt beim Laufen durch die vertrauten Straßen.

Schwierigkeiten gab es wenige. Die ganze Bürokratie am Anfang war schon ein bisschen kompliziert. Die ersten Monate sind aber glaube ich überall ein bisschen anstrengend, bis man alle Verträge hat, ein Bankkonto eröffnet hat, ein Handy hat, das französische Wohngeld (CAF) beantragt hat usw. Von den Lebenshaltungskosten ist es leider ein bisschen teurer, gerade das Bier oder der Wein in den Bars, aber da hilft man sich dann weiter mit vielen privaten Soirées (WG-Partys). Auch alle Sicherheitsbedenken wegen der großen Stadt kann ich zerstreuen, es ist alles sehr friedlich und lebenswert. Ich hab am Anfang eine Weile gebraucht, bis ich angekommen bin. Bis man sich richtig auskennt und sich wohlfühlt dauert es glaube ich einfach 2-3 Monate. Wenn man also die Möglichkeit hat, sollte man zwei Semester weggehen. Auch die anderen Erasmusstudenten bspw. an der Sorbonne sind überdurchschnittlich zufrieden. Es gibt viel zu tun, viel zu sehen.

Ich kann mir durchaus auch vorstellen, einen Master in Frankreich zu machen. Es gibt ja auch schöne Doppelmasterprogramme zwischen deutschen und französischen Unis – ein Jahr hier, ein Jahr dort. Und später mal in Frankreich zu leben und zu arbeiten kann ich mir auf jeden Fall für eine begrenzte Zeit vorstellen.

Auf jeden Fall würde ich Erasmus in Paris weiterempfehlen.