Studium im Cursus intégré franco-allemand in Rechtswissenschaften Mainz-Nantes

 
Bianka, Deutschland

Als ich kurz vor dem Abitur stand, wusste ich nur, dass ich Rechtswissenschaften studieren wollte. Ein möglicher Frankreichaufenthalt während dem Studium war mir nicht präsent. Zudem beliefen sich meine Kenntnisse der französischen Sprache auf ein Mittelmaß und ich belegte in meiner Schulzeit nur den Grundkurs „Französisch“. Meine damalige Französischlehrerin riet mir dennoch zu dem deutsch-französisch integrierten Studiengang der Universität Mainz. Sie merkte, wie sehr mir die französische Sprache gefiel und weckte durch die Möglichkeit der Vereinbarung von Studium und Sprache mein Interesse.

So bewarb ich mich an der Universität Mainz für Rechtswissenschaften und besuchte ab dem ersten Semester begleitende Veranstaltungen zum französischen Recht. Durch diese Kurse erwarb ich einen Einblick in das französische juristische Fachvokabular, System sowie Methodik. Stück für Stück entschloss ich mich zu einem Frankreichaufenthalt. Sehr vorteilhaft an diesem erschien mir die Chance einen Doppelabschluss zu erwerben, den Frankreichaufenthalt als Schwerpunkt für den Staatsexamensstudiengang anrechnen zu lassen und dennoch keine Zeit zu verlieren. Da ich aber im Sommersemester angefangen hatte und man nur im Wintersemester nach Frankreich gehen kann, musste ich ein halbes Jahr warten. In dieser Zeit nutzte ich das Angebot der Universität, habe das Wirtschaftszertifikat gemacht, weitere Kurse aus anderen Schwerpunktbereichen besucht und Masteranforderungen für das integrierte Studium vorgezogen. So konnte ich die Wartezeit sinnvoll nutzen.

Jedoch blieb noch die Frage, an welche französische Universität ich gehen wollte, da die Universität Mainz drei Möglichkeiten zur Verfügung stellt: Dijon, Nantes, Paris. Um diesen Entschluss zu fassen, nahm ich an den Informationsfahrten in diese Städte teil. Ziel dieser Fahrten ist unter anderem einen Einblick in das französische Studentenleben zu bekommen und die Örtlichkeiten kennenzulernen. Denn ein wichtiger Faktor ist, dass man sich auch wohlfühlt. Darüber hinaus erfuhr ich währenddessen, dass der Schwerpunkt in Nantes/ Paris mehr auf Europarecht und in Dijon mehr auf dem Internationalen Privatrecht liegt. Zu Beginn des Studiums wollte ich mich schon immer auf Europarecht spezialisieren. So war dies ein Pluspunkt für Nantes/ Paris. Durch die Umstellung des Programms mit Nantes/ Paris war es zudem von nun ab möglich mit diesen beiden Städten den LLM zu absolvieren. Meine Wahl fiel schließlich auf Nantes, da ich mich dort einerseits sehr wohl gefühlt habe und Freundschaften mit französischen Studenten aus Nantes bei der Infofahrt und bei einem rechtsvergleichenden Seminar geknüpft habe.

In Nantes selbst reiste ich Ende August an, um mich einzuleben (Bankkonto eröffnen, Handytarif, Versicherungen) und an der Universität Nantes im Mater 1 Droit européen et international einzuschreiben. Die Zeit reichte auch, um auf Erkundungstour zu gehen und so die Stadt besser kennenzulernen. 

Die Vorlesungen (CM) begannen Mitte September. Zu diesem Zeitpunkt musste ich mich zunächst in das System einfinden. Denn dieses unterscheidet sich sehr zur deutschen Lehrmethode. Ein sehr beeindruckendes Bild bot sich mir zu Beginn der Veranstaltungen: Fast jeder Student saß vor einem Laptop. Sobald der Professor zu reden begann, gingen alle Köpfe in die Tiefe und ich vernahm nur noch die fleißigen Tippgeräusche. Es ist zu erklären, dass die französischen Studenten Wort für Wort mitschreiben und nicht nur ein paar Stichpunkte machen. Man bekommt auch oft keine Folien zur Vorlesung. Die französischen Studenten waren glücklicherweise sehr freundlich und halfen gerne weiter. So stellten sie ihre Mitschriften zur Verfügung und beantworteten die ein oder andere Verständnisfrage. Ich merkte, dass Kommunikation das A und O während des Auslandsaufenthalts ist, nicht zuletzt um die Sprache besser zu erlernen, sondern auch um Kontakte zu knüpfen.

Mit Beginn der vorlesungsbegleitenden Übungen (TD) erlernte ich Schritt für Schritt die Klausurtechnik genauer kennen. So gibt es im französischen Studium nur sehr selten Fälle (cas pratique) zu bearbeiten. Viel Wert wird auf Entscheidungskommentierung (commentaire d’arrêt) und Dissertationen (dissertation) gelegt, die man nicht im deutschen Studium findet. Für die TDs mussten jede Woche Hausaufgaben (Lesen von Entscheidungen und Artikeln, Anfertigung von Kommentierung oder Dissertation) erledigt werden, die teilweise (unerwartet) abgegeben werden mussten. Und dennoch war die Masse irgendwie zu bewältigen.

Durch die Vorlesungen an der Faculté de Droit in Nantes konnte ich neue interessante Bereiche kennenlernen, die in Mainz nicht zum Pflichtstoff gehören oder nicht angeboten werden, so z.B. europäische Politik, Aufarbeiten von Streitfällen des EuGH und europäisches Umweltrecht.

Im ersten Semester war all dies wirklich mit sehr viel Stress verbunden. Für Freizeit blieb wenig Zeit übrig (wobei ich dennoch den Universitätschor besuchte). Denn von morgens bis nachts wurden Vorlesungen nachgearbeitet (Vokabeln der Mitschriften herausarbeiten, Zusammenfassungen zu den Vorlesungen schreiben und Lesen der Zusammenfassungen) und TDs vor- und nachbereitet. Daneben musste man ja noch die Vorlesungen besuchen und zwischenzeitlich (zumindest etwas) schlafen. Doch dafür war das zweite Semester etwas entspannter. Denn nun wusste ich, wie ich zu lernen hatte, bis an welche Grenzen ich gehen konnte, wann ich Pausen machen musste und wie überhaupt das ganze System - angefangen bei: Wie antwortet man auf eine Frage im Test? (anderes System!!) bis hinzu Ausarbeitung eines anständigen Plans einer Dissertation - funktioniert. Ich konnte im zweiten Semester sehr von dem Stress des ersten Semesters profitieren.  Und vor allem fiel immer mehr das lästige Nachschauen von Vokabeln im Wörterbuch weg. Mein Sprachniveau hat sich durch dieses eine Jahr sehr weiterentwickelt.

Im Laufe des Jahres schloss ich einige Freundschaften, die mir die französische Kultur und Tradition näher brachten. Man feierte und lernte zusammen und half sich auch gegenseitig weiter. Denn auch die französischen Studenten konnten das ein oder andere Mal profitieren, wenn es zum Beispiel um eine Ansicht zu einem politischen Thema ging oder das französische und deutsche Recht miteinander verglichen wurde.

Alles in allem habe ich das Jahr trotz einiger negativer Erfahrungen, wie z.B. den ganzen Stress durch die TDs und das Heimweh, als sehr positiv empfunden. Die ganze Persönlichkeit entfaltet und entwickelt sich weiter, so dass man offener für Neues wird. Ich bin froh, dass ich mich zu diesem Schritt entschlossen hatte, obwohl ich es mir bis zum Schluss nicht zugetraut hätte, dass ich diesen Weg wirklich gehe. Ich habe viel durch das Frankreichjahr hinzugelernt und unglaubliche Erfahrungen gemacht, die ich so nie erlebt hätte.

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